TRAUMZUG
Kurzgeschichte über den "Geist der Waldeck"(von Lato)


Es geschah im Nachtzug von Koblenz nach Saarbrücken. Ich war gerade in ein freies Abteil gestiegen und hatte es mir am Fenster etwas bequem gemacht. Da ging die Tür auf und ein etwas merkwürdig aussehender Mann kam herein. Er war klein, trug eine bunte Weste, weite rote Hosen, Stulpenstiefel und auf dem Kopf eine Art Barett mit einer Feder. Er sagte: "Horridottel" und setzte sich. Ich sagte: "Horridoh" und war verwundert, denn ich war der Meinung, der Karneval wäre vorbei.

Der Zug fuhr an und der Mann sprach mich an: "Ich komme von Braubach, ich war dort bei der Burgenvereinigung im Archiv." Höflichkeitshalber sah ich Ihn an und sagte: "So", denn ich wollte eigentlich meine Bildzeitung lesen. "Ja"! sagte er, "ich suche eine Burg für mich, genauer gesagt, eine Ruine." "Und haben Sie eine?" fragte ich. " Nein" sagte er "denn es ist ganz schön schwer das Richtig zu finden. Sie müssen wissen, ich bin Burggeist, besser gesagt –Burgruinengeist." Ich wollte laut lachen, ließ statt dessen aber meine Zeitung fallen, kroch unter die Sitzbank und prustete höflich in die hole Hand. Dann stand ich wieder auf, entschlossen ein Gespräch mit dem "Geist" zu führen, denn das schien mir lustiger zu werden als das Studium meiner Zeitung. "Sie suchen also eine Burg?" begann ich. "Ja" sagte der Mann "eine Burg auf der es noch keinen Geist gibt. "Ich hätte da etwas für Sie" meinte ich. Hoffnungsvoll sah mich mein Gegenüber an. "Wo?" fragte er. "Ganz hier in der Nähe." Antwortete ich, "die Burg Waldeck." "So – die Burg Waldeck?" fragte er. "Ja", sagte ich. Der merkwürdige Mann sah mich eine ganze Weile an und sagte dann recht vorwurfsvoll "Da bin ich doch erst abgehauen!" Ich war etwas verwirrt und fragte "Bei der ABW?" Der kleine Mann sah mich recht zornig an und sagte gedehnt "Nein, von der Burg, denn ich sagte ja schon, ich bin Burggeist." Ich wollte dem Mann gerade sagen, daß es mir jetzt zu bunt würde und ich nun doch die Bildzeitung lesen möchte, als er sagte "Dich kenne ich auch, von der Burg und von der Thea und Toni." Das haute mich fast um. Ich hatte diesen merkwürdigen Kerl noch nie gesehen und nun behauptete er mich zu kennen. Nicht nur mich, sondern auch die Waldeck und ihre Nebenstellen. "Das müssen Sie mir näher erklären," drängte ich Ihn. "Das will ich gerne tun," meinte er nun fast freundlich, "denn ich muß mal mit einem Menschen darüber reden und wenn ich Dir alles erzählt habe bist Du der erste Mensch, der über den früheren Burggeist der Waldeck alles weiß. Wie weit fährst Du?" "Ich muß nach Saarbrücken," antwortete ich Ihm. "Das ist gut," meinte der Burggeist, "ich fahre auch dort hin, dann haben wir genügend Zeit für eine Unterhaltung." "Gut" sagte ich und wartete gespannt auf seinen Bericht.

Der Alte hatte die Augen halb geschlossen und begann zögernd zu reden.
"Ich bin eigentlich ein wandernder Burggeist, alle Burgen auf denen ich zuhause war hier aufzuzählen ginge zu weit. Es reicht, wenn ich die sage, daß ich vor vier oder fünf Menschenleben von der Rauschenburg auf die damals geistlose Waldeck kam." Ich muß Ihn ziemlich bedeppert angesehen haben, denn er fragte unwirsch "Du meinst wohl ich spinne, weil mich dort noch keiner gesehen hat. Aber ich bin kein Poltergeist, der lärmt und spukt. Ich bin ein Burggeist, daß heißt, Burg und Geist sind eins. Ich bin das Geheimnisvolle, die Fantasie, der Jugendtraum. Verstehst Du? Ich bin einfach da." Ich nickte verwirrt und der Geist nahm das wohl las Zeichen meiner Zustimmung. Er fuhr mit seiner Erzählung fort. "In der ersten Zeit hatte ich auf der Waldeck, wie vorher auf der Rauschenburg, wenig zu tun. Aber irgend wann kam dort eine bunte Schar an, die mich aus meiner Ruhe erlösten. Die riefen mich oft. Als Ritter, als Knappen, die schrieben mich in Ihrer Lieder und auf Ihre Fahnen. Hunderte von Jungen riefen mich in Ihrer Träumen. Weißt Du was das für mich bedeutete? Nach vielen Jahren der Untätigkeit war ich geweckt. Ich war nicht der einfache Burggeist, nein ich war der Geist der Burg Waldeck."

Ich nickte dem merkwürdigen Mann aufmunternd zu, denn irgendwie fing ich an Ihn zu verstehen, Er beäugte sich etwas zu mir und erzählte weiter:

"Weißt Du? Es war eine herrliche Zeit! Vorher hatte ich einfach nur in den Mauern gesteckt und nun war ich mitten in einer Menschenschar. Ich weiß nicht mehr wie lange dieses Treiben ging, aber irgendwann wurde es einsam um mich. Man rief mich nicht mehr zu lustigen Spielen und Festen. Man rief mich in den Herzen die weit weg von der Burg waren –und traurig. Es war eine schwarze Zeit." Der Geist sah mich selbst traurig an. Aber nach einem kurzen räuspern fuhr er mit seiner Geschichte fort. "Diese Zeit ging vorbei. So wie im Frühling die Blumen, die der Winter vertrieb, wiederkommen, kamen auch viele meiner Freunde wieder. Doch manche können nie mehr kommen. Aber es waren wieder Männer und Jungen da, die mich riefen. Das alte fröhlich Leben begann wieder. Es wurde gesungen, gelacht und ich war wieder der Mittelpunkt der Burg.
Und dann kam die Zeit als man die Steine der alten Oberburg ausgrub und damit ein Fundament legte für eine neue Burg. Die Männer und Jungen sagten ich solle dort einziehen. Es wäre für mich als einer der seine Erfahrungen als wandernder Burggeist gesammelt, hat eine ziemlich Umstellung gewesen. Aber ehrlich, ich hätte es getan, denn die Waldeck und Ihre Menschen waren für mich Bestimmung –glaubte ich." Hier sah mich der Geist eindringlich an und sprach ernst weiter. "Doch eines Tages, bestimmte ein höherer Geist das der, denn manche König nannten, seine letzte große Fahrt in eine andere Welt abtreten mußte. Einige Zeit darauf wurde es ruhig um mich. Nicht daß die Getreuen dieses Mannes mich nicht mehr riefen. Nein – oft noch holten Sie mich an ihre Feuer. Aber nicht alle in Ihre Herzen. Ich glaube, daß mit dem König auch viel von der Verbindung zu mir gegangen ist."

Urplötzlich wurde das Gesicht des Erzählers streng, fast wütend. "Aber es wurde schlimmer. Das neue Haus wurde fertig, jedenfalls ein Teil. Aber ehe ich dort einziehen konnte verbannte man mich von dort. Die Herren des neuen Hauses vergaßen mich." Warum sagen Sie plötzlich Haus?" unterbrach ich den Alten. "Verstehst du nicht?" fragte er unwirsch. "Eine Burg ohne Geist ist nur ein Haus. Und zu allem Überfluß legte man noch Barrieren und Stacheldraht um das Gebäude. Kurz und gut. Ich zog mich wieder ganz auf meine Ruine zurück. Es war da zwar ruhiger als in den alten Tagen, aber ab und zu kamen doch Menschen zu mir. Ich glaube ich wäre dort schon aus Gewohnheit geblieben. Aber stell dir vor, nun hörte ich, daß die Herren des Hauses nun auch Herren der Ruine waren. Ich habe nachgedacht,2 sagte der Geist etwas traurig. "ich bin sicher, die hätten mich eines Tages in die alten Brücken im Baybachtal verbannt. Und darum bin ich von der Waldeck abgehauen und suche nach einer Burg, wo man mich braucht. Und Du...?" Der Burggeist stieß mir seinen Zeigefinger etwas unsanft an die Brust.

" Du........."
....vor mir stand plötzlich der Schaffner. "Saarbrücken Hauptbahnhof – Sie müssen jetzt aussteigen.


(Lato)